Zwei Schwestern - Im Bann des Dschihad von Åsne Seierstadt

Dienstag, 6. August 2019


Original: "To søstre"/ 2016, Kein und Aber Verlag, 528 Seiten, Übersetzer/-in: Nora Pröfrock, ★★★★★ 5 von 5 Sterne, hier kaufen als Buch oder eBook

An einem Nachmittag im Oktober 2013 kommen die zwei Teenagerschwestern Ayan und Leila nach der Schule nicht wie gewohnt nach Hause. Stattdessen schicken sie eine E-Mail – mit einer Nachricht, die ihren Eltern und Geschwistern schier die Luft zum Atmen nimmt: Die beiden Schwestern befinden sich auf der Reise nach Syrien, um sich dort dem Islamischen Staat anzuschließen. Sofort begibt sich ihr Vater auf die Suche nach ihnen mitten hinein ins Kriegsgebiet. Auf seiner verzweifelten und lebensgefährlichen Odyssee kooperiert er mit Schmugglern, Geheimdiensten und Terrormilizen. Wieso haben seine Töchter freiwillig ihr sicheres Leben aufgegeben? Wieso wurden im Vorfeld die Zeichen nicht richtig gedeutet? Und wie schafft er es, sie wieder zurückzuholen, notfalls auch gegen ihren Willen? Åsne Seierstad beleuchtet das Thema in seiner gesamten Komplexität. Sie deckt nicht nur die Hintergründe der Radikalisierung sowie die Auswirkungen auf die Hinterbliebenen auf, sondern gewährt auch dramatische Einsichten in das Leben und Überleben im Terrorstaat.

E I N E   E R S CH Ü T T E R N D E   G E S C H I C H T E

Die Geschichte der beiden somalisch stämmigen Norwegerinnen, in der aus zwei selbstbewussten freien Frauen mit ehrgeizigen beruflichen Plänen immer mehr zu Fundamentalistinnen werden, ist sowohl interessant als auch traurig zu gleich. 

Die verzweifelte Suche des Vaters nach den Töchtern, die Verwirrung des großen Bruders, der sich von der Religion distanziert. Dieses Buch ist zutiefst erschütternd. 

Die Entwicklung der beiden Schwestern und wie sich die beiden ihrem Umfeld und gleichzeitig auch dem Leser entfremden ist aufschlussreich und spannend erzählt. Jedoch fiehl es mir schwer zu glauben, dass der im Buch beschriebene Radikalisierungsprozess seine Wurzeln nicht schon im jungen Alter geschlagen hat, angefangen bei der islamischen Erziehung. Dort wo einmal ein Unterschied zwischen Muslimen und den sogenannten "Kuffar" Ungläubige gemacht wird, gibt es keine Ausnahme mehr. 
Trotz des wiederholten Lobes an den norwegischen Staat, für ihre ununterbroche finanzielle Hilfe, weigerte sich die Mutter vehement dagegen die norwegische Sprache zu lernen, der Vater unternahm nichts was ihm aus der norwegische Sozialhilfe herausgebracht hätte und beide Eltern sorgten sich, dass die Töchter zu norwegisch werden könnten. Die fehlende Integration der Famlie und die deutlich ausgeprägte Kontaktunterbrechung zu norwegischen Mitmenschen als eine Regel des ganz normalen, alltäglich gelebten Islam gab mir mehrmals einen Grund zum Grübeln. Es mag weitere wichtige Punkte gegeben haben im Radikalisierungsprozess der beiden Schwestern, dennoch für mich fehlte über das ganze Buch hinweg ein wichtiges Puzzelteil. Dies ist natürlich nicht der Islam, aber für mich war diese heftige Radikalisierung nicht ohne möglich.

Das Buch gibt darüber hinaus einen ausführlichen Einblick in die Denkweise der salafistisch geprägten Muslime, die unzähligen verfeindeten Gruppen in Syrien und die Struktur des IS. Beim lesen wird das eigene Weltbild oft auf die Probe gestellt.

Åsne Seierstadt schrieb mit Zwei Schwestern ein Buch bei dem auch lange nach der letzten Seite, die Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Die Geschichte der beiden Schwestern und ihrer Familie hallen beim Leser noch lange nach.
* Vielen Dank an den Kein & Aber Verlag für die Bereitstellung eines Leseexemplars!

1 Kommentar

  1. Das Cover finde ich sehr gelungen. Es macht sofort neugierig auf das Buch und hat etwas Tiefgründiges, mystisches. Das Thema ist natürlich sehr sensibel und böse, sodass man sich darauf einlassen können muss.

    AntwortenLöschen

© Readborn. Design by FCD.